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Dr. Robert Rühl

UBTaktuell: Herr Dr. Rühl, Ihre Dissertation befasst sich mit Reformwegen für die Rentenversicherung. Was hat Sie persönlich zu diesem Thema geführt?

Dr. Rühl: Ich habe mich schon immer für Politik interessiert. Im VWL-Studium an der Universität Bayreuth habe ich gelernt, politische Prozesse mit den Methoden der Politischen Ökonomik zu analysieren: Wie entstehen Reformen? Warum scheitern sie? Und welche Interessen setzen sich durch?

Die Rentenpolitik verbindet diese Fragen mit einem der wichtigsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Ursprünglich wollte ich vor allem erklären, weshalb notwendige Reformen so häufig scheitern. 

Im Laufe meiner Arbeit rückte jedoch eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie könnte eine Rentenversicherung aussehen, die langfristig finanzierbar und zugleich gerechter ist? Mein Doktorvater, Prof. Dr. Volker Ulrich, und ich waren uns schließlich einig: Es ist zwar spannend zu untersuchen, warum Reformen scheitern. Noch wichtiger ist es aber, konkrete Lösungsvorschläge zu entwickeln. So entstand die Idee der ResilienzRente.

UBTaktuell: Sie plädieren für eine degressive Zuteilung von Entgeltpunkten und eine Anpassung der Renten an die Inflation statt an die Lohnentwicklung. Wie tragen diese beiden Hebel konkret zu mehr Leistungsgerechtigkeit bei?

Dr. Rühl: Entscheidend ist für mich die Frage, welche Gegenleistung Versicherte über ihr gesamtes Leben hinweg für ihre Beiträge erhalten.Die Anpassung laufender Renten an die Inflation betrifft ausschließlich laufende Renten. Anwartschaften und neu beginnende Renten bleiben weiterhin an die Lohnentwicklung gekoppelt. Da Löhne langfristig stärker steigen als Preise, wachsen laufende Renten künftig etwas langsamer. Ihre Kaufkraft bleibt jedoch erhalten, während gleichzeitig der Finanzierungsdruck sinkt. Die ältere Generation beteiligt sich über gebremste Rentensteigerungen, die jüngere weiterhin über steigende Beiträge. Zudem entsteht ein Anreiz, länger erwerbstätig zu bleiben. Wer später in Rente geht, profitiert länger von der dynamischeren Lohnentwicklung.Gerade in der Debatte um die Rente mit 63 ist das ein Argument.

Der zweite Hebel ist die degressive Zuteilung von Entgeltpunkten. Höhere Einkommen erwerben weiterhin höhere Rentenansprüche, allerdings steigt der Anspruch nicht mehr vollkommen proportional zum Einkommen. Hintergrund ist, dass Menschen mit höherem Einkommen statistisch länger leben und damit im Durchschnitt auch länger Rente beziehen. Die Degression gleicht diesen Effekt bereits bei der Entstehung der Ansprüche teilweise aus. Die Rangfolge der Renten bleibt erhalten, angeglichen wird jedoch die erwartete Gegenleistung pro eingezahltem Beitrag. Darin sehe ich einen wichtigen Beitrag zu mehr Leistungsgerechtigkeit.


Dr. Robert Rühl auf dem Panel des Ludwig-Erhard-Preises

UBTaktuell: Ihre Forschung zeigt, dass Bevölkerungsgruppen mit höheren Renten im Durchschnitt auch länger leben. Wie verändert dieser Befund die Debatte über Gerechtigkeit im Rentensystem?

Dr. Rühl: Dieser Befund stellt eine weit verbreitete Annahme infrage. Oft wird die gesetzliche Rentenversicherung als System verstanden, das innerhalb eines Jahrgangs von höheren zu niedrigeren Einkommen umverteilt. Bezieht man jedoch die unterschiedliche Lebenserwartung mit ein, ergibt sich ein differenzierteres Bild. In meiner Untersuchung zeigt sich, dass das oberste Einkommenszehntel eine deutlich höhere interne Rendite aus dem Rentensystem erzielt als das unterste. Damit findet eine unbeabsichtigte Umverteilung zugunsten von Menschen mit höherem Einkommen statt. Die Gerechtigkeitsdebatte sollte deshalb nicht nur das Verhältnis zwischen Jung und Alt betrachten, sondern auch die Unterschiede innerhalb einer Generation. Das hat Konsequenzen für die Bewertung von Reformen. So erscheint beispielsweise eine einheitliche Anhebung des Rentenalters auf den ersten Blick neutral. Tatsächlich trifft sie Menschen mit geringerer Lebenserwartung stärker, weil sie ohnehin weniger Jahre Rente beziehen. Ein leistungsorientiertes Rentensystem sollte diesen Zusammenhang berücksichtigen.

UBTaktuell: Sie haben an der Universität Bayreuth promoviert. Wie hat Sie die Zeit dort geprägt?

Dr. Rühl: Ich kann mir keinen besseren Ort zum Promovieren vorstellen. Besonders prägend war die Verbindung aus wissenschaftlicher Freiheit, persönlichem Austausch und kurzen Wegen. Am Lehrstuhl von Prof. Dr. Volker Ulrich konnte ich meine Arbeit über mehrere Jahre hinweg entwickeln, Thesen hinterfragen und Konzepte neu denken. Dabei erhielt ich große inhaltliche Freiheit, aber auch wertvolle Impulse zur Schärfung der ökonomischen Argumentation. Darüber hinaus hat mich die offene und familiäre Kultur der Universität Bayreuth beeindruckt. Der Campus fördert den Austausch über Fachgrenzen hinweg, und die Unterstützung durch Mitarbeitende in Bibliothek, Prüfungsamt und vielen weiteren Bereichen war außergewöhnlich. Ohne die Universität Bayreuth und die Menschen, die sie prägen, wäre diese Dissertation nicht entstanden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ludwig-Erhard-Preis

UBTaktuellDer Ludwig-Erhard-Preis zeichnet besonders praxisnahe und gesellschaftlich relevante Forschung aus. Sehen Sie realistische Chancen, dass Ihre Reformvorschläge Eingang in die Politik finden?

Dr. Rühl: Als ich meine Dissertation im August 2024 eingereicht habe, hätte ich diese Chancen eher zurückhaltend eingeschätzt. Wissenschaftlich überzeugende Konzepte setzen sich nicht automatisch politisch durch. Inzwischen hat sich die Diskussion jedoch spürbar verändert. Die Arbeit der Alterssicherungskommission zeigt, dass grundlegende Reformen der Alterssicherung wieder ernsthaft diskutiert werden. Gleichzeitig bleiben aus meiner Sicht zentrale Herausforderungen bestehen: die Belastung jüngerer Generationen und die bisher kaum berücksichtigten Unterschiede in der Lebenserwartung.

Genau an diesen Punkten setzt die ResilienzRente an. Natürlich werden wissenschaftliche Reformvorschläge selten vollständig übernommen. Häufig fließen jedoch einzelne Grundgedanken in politische Konzepte ein. Insbesondere die Trennung von Zugangs- und Bestandsrenten sowie die stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenserwartungen halte ich für anschlussfähig. Die Chancen, dass solche Ansätze in die politische Debatte einfließen, sind heute deutlich größer als noch vor wenigen Jahren. Für die Zukunft unseres Rentensystems ist das aus meiner Sicht eine gute Nachricht.

Dr. Stefan Fehm-Danoglidis

Dr. Stefan Fehm-Danoglidis

Pressesprecher, Hochschulkommunikation

Telefon: 0921 / 55-5300
E-Mail: stefan.fehm-danoglidis@uni-bayreuth.de

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Universitätsstraße 30, 95447 Bayreuth

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