Logo Universität Bayreuth
Springe zum InhaltZum Footer springen
Logo Universität Bayreuth
Karl Würzburger (2. v. r.) bei einem Siegfried-Aufführung vor dem Festspielhaus 1912, Archiv Universität Bayreuth (AUBT) N 20 42

Karl Würzburger (2. v. r.) bei einem Siegfried-Aufführung vor dem Festspielhaus 1912, Archiv Universität Bayreuth (AUBT) N 20 42

Überraschend deutlich warnte Würzburger im Sommer 1950 den Bayreuther Stadtrat. Selbst bei optimalen künstlerischen und finanziellen Bedingungen könnten „Bayreuth trotz der Weltgeltung des Wagnerschen Werkes als Wagner-Stadt ausgespielt haben könnte. Es könnte sein, dass man, in aller Welt Wagner zu hören bereit ist, aber nicht mehr in Bayreuth!“ Worte mit Gewicht, denn Würzburger war zeitlebens vertraut mit Werk und Ort.

1891 als Sohn des bekannten jüdischen Nervenarztes Dr. Albert Würzburger in Bayreuth geboren, kam er früh mit der Wagner-Welt in Berührung. Als Jugendlicher streifte er mit Freunden durch den Hofgarten bei Wahnfried, um Richard Wagners Witwe Cosima zu begegnen. Später besuchte er regelmäßig Aufführungen auf dem Grünen Hügel, bevor ihn Studium und Kriegsdienst aus der Stadt führten.

Nach seiner Promotion in Marburg ging Würzburger nach Berlin und machte Karriere als Programmleiter der Deutschen Welle. Als Pionier des Hörspiels begeisterte er sich für das neue Medium Rundfunk. 1932/33 verlor er jedoch aus politischen Gründen seine Stellung und kehrte vorübergehend nach Bayreuth zurück.

Dort verschärfte sich seine Lage rasch: Nach einer Aufführung der Götterdämmerung wurde er vor der Eule von SA-Männern attackiert. Nur dem Eingreifen Winifred Wagners bei Gauleiter Hans Schemm verdankte er einen Zeitgewinn bis zur endgültigen Emigration in die Schweiz. Im Exil entwickelte Würzburger eine intensive schriftstellerische Tätigkeit, ließ sich evangelisch taufen und engagierte sich in seiner Kirchengemeinde in Hausen am Albis bei Zürich.

Karl Würzburger (linker Rand) mit Wieland Wagner (im weißen Anzug) und Staatsintendant Georg Hartmann (rechter Rand) im Garten von Wahnfried 1950, AUBT N20, 41

Karl Würzburger (linker Rand) mit Wieland Wagner (im weißen Anzug) und Staatsintendant Georg Hartmann (rechter Rand) im Garten von Wahnfried 1950, AUBT N20, 41

1947 kehrte er für das Entnazifizierungsverfahren gegen Winifred Wagner nach Bayreuth zurück. Als Prozessbeobachter bewertete er ihr Verhalten als naiv und verwies zugleich auf die Verführbarkeit vieler Zeitgenossen. Seine Aufzeichnungen aus jenen Maitagen zeigen bereits die ambivalente Haltung eines unbelasteten Verfolgten, der sich zugleich als Teil der deutschen Gesellschaft verstand.

Seine kurze Rückkehr fiel mit der Initiative des Oberbürgermeisters Oscar Meier zusammen, Emigrierte für den Wiederaufbau des Bayreuther Kulturlebens zu gewinnen. Würzburger gehörte zu den wenigen, die tatsächlich antworteten. 1948 wurde eigens für ihn das Amt des Kulturamtsleiters geschaffen, das er bis 1952 innehatte. In diese Zeit fiel auch die Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele.

Bei den Planungen forcierte insbesondere Würzburger die Übernahme der Festspielleitung durch Wieland und Wolfgang Wagner. Er aktivierte seine Vorkriegskontakte in die Rundfunkwelt und sicherte Neu‑Bayreuth wichtige Einnahmen durch Übertragungsrechte beim Westdeutschen Rundfunk – eine zentrale finanzielle Grundlage. Dem Widerstand des Bayerischen Kultusministeriums begegnete er mit der Autorität des unbelasteten Rückkehrers, der um die historische Bürde genauso wusste wie um die Zukunftschancen, die das besondere Werk Richard Wagners in seinen Augen bereithielt.

Würzburger bezeichnete Bayreuth einmal als „Gaststadt für Wagners weltweites Werk“. Dieser Perspektivwechsel wirkt bis heute modern: Der Erfolg der Festspiele hängt vom Publikum ab, nicht allein von Tradition oder Anspruch. Es ist ein Ausdruck von Demut gegenüber Geschichte und Zuhörer, Werk und Ort.

Dass die Welt Neu‑Bayreuth schließlich annahm, dürfte Würzburger mit Genugtuung gesehen haben. Seinen Lebensabend verbrachte er als Religionspädagoge und Schriftsteller in Hausen am Albis, wo er 1978 starb. Seine letzte Ruhe fand er in Bayreuth.

Dokumente, Fotographien und Tagebücher sind Bestandteile des Nachlasses im Archiv der Universität Bayreuth

Dokumente, Fotographien und Tagebücher sind Bestandteile des Nachlasses im Archiv der Universität Bayreuth

Mann mit Brille

Gert-Dieter Meier

Wissenschaftskommunikation Universität Bayreuth

Tel. +49 921 55 5356
E-Mail: gert-dieter.meier@uni-bayreuth.de

Webmaster: Team UBTaktuell