Mitten im feuchtwarmen Grün des Tropenhauses des Ökologische-Botanischen Gartens der Universität Bayreuth, wo Blätter schwer in der Luft hängen und die Grenzen zwischen Kontinenten verschwimmen, steht ein helles Objekt von fast irritierender Klarheit: ein Konzertflügel aus dem Hause Steingraeber. Noch ist sein Holz unlackiert – eine leise, gespannte Fläche.
Davor: Antoine Wagner (43), der mit feinem Pinsel schwarze Ornamente auf das Instrument setzt. Linien, die sich wie Pflanzenranken über die glatte Oberfläche ziehen. Über ihm surren Drohnen, Kameras verfolgen jede Bewegung. Der Akt des Bemalens ist hier nicht nur Arbeit, sondern Inszenierung – Performance, Dokument, vielleicht auch Ritual.
Präzision trifft Wildheit
„Es passiert einem ja nicht jeden Tag, dass man ein rohes Klavier bekommt, um es anzumalen“, sagt der Mann, den die Welt der Musik und des Klanges ebenso fasziniert wie die Bildende Kunst. Und man spürt förmlich, dass der Reiz für ihn vor allem im Bruch mit der Perfektion liegt. Ein Flügel, gebaut für Präzision, trifft auf ein Umfeld, das scheinbar wild ist – und doch ebenso kuratiert: ein Tropenhaus, ein „kontrollierter Wald“. Passt das zusammen?
Wagner spricht bewusst von dieser Spannung. „Dieses sehr kontrollierte Objekt – da wollte ich ein bisschen Chaos reinbringen.“ Die Wahl des Ortes folgt dieser Logik. Nicht irgendein Atelier, sondern ein Raum, der Natur simuliert und gleichzeitig inszeniert. „Wo besser als in einem Wald – einem tropischen Wald –, damit wir ein bisschen durch verschiedene geografische Orte gehen, fast wie in einer Mythologie von Bäumen.“ Rund 70 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um 30 Grad – da wird die Kunstaktion auch schnell zur schweißtreibenden Arbeit.
Natur und Musik sind für ihn keine Gegensätze, sondern ein gemeinsamer Ursprung. „Meine Arbeit ist immer von Natur inspiriert“, sagt er, „Musik und Natur sind der Kern.“ Daraus entstehen nicht nur Bilder, sondern auch Installationen, Performances, Filme – das Projekt im Tropenhaus ist all das zugleich.
Die Konstante Bayreuth
Dass dieser Ort Bayreuth ist, wirkt dabei fast zwangsläufig – und zugleich nebensächlich. Der Künstler lebt in New York, ist in Frankreich aufgewachsen. Und doch kehrt er seit frühester Kindheit hierher zurück. „Ich komme, seit ich ein paar Wochen alt bin, jedes Jahr hierher“, sagt er. Die Stadt, untrennbar verbunden mit dem Namen Richard Wagner, ist für ihn weniger Bühne als Konstante im Hintergrund. Immerhin war seine Mutter Eva Wagner-Pasquier, Tochter von Wolfgang Wagner und dessen erster Ehefrau Ellen Drexel, von 2008 bis 2015 gemeinsam mit Katharina Wagner Leiterin der Bayreuther Festspiele. Direktorin am Royal Opera House Covent Garden in London, Programmdirektorin an Opéra Bastille in Paris, künstlerische Beraterin des Festival d’Aix-en-Provence und der Europäischen Musikakademie.
Wichtiger als Tradition ist für Antoine Wagner freilich der Moment, die Magie des Augenblicks. Der kreative Prozess des Schaffens. Der Beginn einer Linie auf hellem Holz, die Entscheidung, wo der erste Pinselstrich sitzt. „Eine Testzone gibt es nicht“, sagt Wagner. Alles hängt vom Blickwinkel ab, davon, wie sich das Objekt im Raum entfaltet.
Vier Wagner-Flügel im Jubiläumsjahr
Vielleicht ist es genau das, was dieses Projekt im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele ausmacht: ein Instrument, das sonst Klang hervorbringt, wird selbst zur Oberfläche. Und während draußen die reale Natur weiterwächst, entsteht hier, im Inneren des Tropenhauses, eine andere – gezeichnet, gefilmt, komponiert.
Der Flügel im Dschungel – ein außergewöhnliches Projekt, das freilich nicht für sich alleine steht. Denn Antoine Wagner gestaltet bei Steingraeber zusätzlich drei weitere Instrumente mit Hölzern aus aller Welt – eine Fortführung seines Projekts Impossible Forest. In ihrer Gesamtheit formen diese Elemente „ein vielschichtiges Werkensemble, das das Klavier nicht nur als Klangkörper, sondern als Ort ökologischer Reflexion und poetischer Rekonstruktion begreift“, wie es in einer Mitteilung der Bayreuther Klaviermanufaktur heißt.
Die Enthüllung dieser vier Klaviere findet am 22. Juli, 11 Uhr, im Haus Steingraeber in Bayreuth statt. Begleitet werden die Instrumente von einem Video, das den Entstehungsprozess eines Grand Piano im Tropenhaus zeigt.