Das Filmgespräch bietet nicht nur einen exklusiven Blick hinter die Kulissen, sondern auch die Gelegenheit, mit den Filmschaffenden über die Entstehung des Projekts, die Dreharbeiten in Turkana und die gesellschaftliche Dimension des Films ins Gespräch zu kommen. Für die Universität Bayreuth ist es zugleich ein besonderes Heimspiel – denn die Wurzeln dieses internationalen Erfolgs liegen auch hier.
Vom Seminarraum nach Hollywood
Regisseur Kevin Schmutzler, Absolvent der Medienwissenschaften an der Universität Bayreuth, blickt mit großer Dankbarkeit auf seine Studienzeit in Oberfranken zurück. Das Projekt NAWI sei zwar erst Jahre später entstanden, habe aber seine Grundlage in studentischen Filmprojekten und intensiver Förderung durch den Lehrstuhl gefunden, erzählte er im Gespräch mit der Uni-Pressestelle.
Bereits während des Studiums realisierte Schmutzler internationale Projekte – unter anderem einen Abschlussfilm in Indien. „Wir hatten in Bayreuth die Freiheit, groß zu denken“, erzählt er rückblickend. „Wenn das Konzept schlüssig war, standen Lehrstuhl und Universität hinter uns.“ Praxisnähe, enge Betreuung und ein belastbares Netzwerk seien entscheidende Faktoren gewesen. Tatsächlich arbeiteten an NAWI mehrere Alumni der Bayreuther Medienwissenschaften mit – viele von ihnen verbindet bis heute eine enge kreative Zusammenarbeit.
Dass der Film nun in Bayreuth gezeigt wird, ist für Schmutzler mehr als nur ein weiterer Termin auf der Festivalliste: Als Studierende präsentierten sie ihre Arbeiten bei der Mediennacht auf improvisierten Leinwänden – nun kehrt er mit seinem ersten großen Kinofilm zurück. „Vor allem Freude“, sagt er über die Rückkehr. „Es ist etwas ganz Besonderes, den Film daheim zu zeigen.“
Eine Geschichte, die größer wurde als geplant
NAWI erzählt die Geschichte eines 13-jährigen Mädchens aus Turkana im Norden Kenias, das sich gegen eine arrangierte Kinderehe auflehnt und für Bildung und Selbstbestimmung kämpft. Wichtig zu wissen: der Film basiert auf wahren Begebenheiten! Was als Filmworkshop begann, entwickelte sich über Jahre zu einem internationalen Kinoprojekt. 2017 reisten Kevin (35) und sein Bruder Toby (33, er ist beim Filmgespräch in Bayreuth dabei) erstmals in die Region. Ursprünglich ging es darum, gemeinsam mit einer lokalen Organisation kreative Workshops anzubieten. Aus einem Geschichtenwettbewerb entstand zunächst die Idee zu einem Kurzfilm – doch in einem Drehbuchworkshop wuchs die Geschichte unerwartet zu einem abendfüllenden Spielfilm heran. „Plötzlich waren wir nicht mehr bei 20 Seiten, sondern bei einem 100-seitigen Drehbuch“, erinnert sich Kevin Schmutzler. Entscheidend sei gewesen, dass das Projekt lokal verwurzelt blieb: Die Geschichte stammt von einer kenianischen Autorin, gedreht wurde vollständig vor Ort mit lokalen Darstellerinnen und Darstellern. Das internationale Team verstand sich als Partner – nicht als außenstehende Erzähler.
Gedreht wurde 2023, 2024 folgte die Postproduktion. 2025 begann eine beeindruckende Festivalreise mit über 50 Stationen weltweit. Der Film erhielt rund 25 internationale Auszeichnungen, darunter Preise bei renommierten Festivals wie dem Raindance Film Festival, dem Beijing International Film Festival und dem LA Pan African Film Festival. Zudem wurde er als offizieller kenianischer Beitrag für die Oscar-Auswahl (!) eingereicht. Für Schmutzler ist der Erfolg bewegend – nicht als plötzlicher Triumph, sondern als organische Entwicklung: „Wenn man zurückschaut, ist es schon krass, woher dieses Projekt kommt – und wo es jetzt steht.“
Eine Hauptdarstellerin mit eigener Geschichte
Eine besondere Rolle spielt Hauptdarstellerin Michelle Lemuya. Bei Schultouren in Turkana suchte das Team gezielt nach Kindern, die die Realität des Films nicht nur spielen, sondern verstehen. Michelle war elf Jahre alt, als sie beim Casting die Hand hob – in der Annahme, es gehe um ein Schultheaterstück. Im Gespräch erzählte sie, zwei ihrer besten Freundinnen seien im Jahr zuvor verheiratet worden. Für das Team war klar: Hier steht ein Mädchen, das nicht nur Talent besitzt, sondern eine innere Verbindung zur Geschichte hat. Heute ist Michelle eine junge Botschafterin für das Thema Mädchenbildung in Ostafrika. Für ihre Rolle wurde sie mit einem afrikanischen Filmpreis ausgezeichnet; internationale Anfragen folgten. Ihre erste Reise außerhalb Kenias führte sie direkt zur Preisgala – kurz darauf nach Los Angeles zur Oscar-Kampagne. In Bayreuth wird sie nicht nur über den Film sprechen, sondern auch über ihre Lebensrealität. „Von ihr bekommt man keine einstudierten Antworten“, sagt Schmutzler. „Sondern ehrliche, direkte Perspektiven.“
Film und Verantwortung
NAWI ist mehr als ein Kinofilm. Die begleitende NAWI-Initiative unterstützt Bildungsprojekte und setzt sich für gefährdete Mädchen in Turkana ein. Von Beginn an war es dem Team wichtig, nachhaltig zu arbeiten – lokale Crewmitglieder wurden bezahlt und eingebunden, Strukturen vor Ort gestärkt. Auch künftige Projekte entstehen aus dieser Zusammenarbeit. In Planung sind neue Filme, die sich mit Migration und Integration beschäftigen – unter anderem mit Geschichten aus dem Flüchtlingscamp Kakuma in Kenia sowie mit einem bayerischen Stoff über Integration durch Sport.
Ein Film, der weitererzählt werden soll
Große Marketingbudgets wie bei Blockbustern stehen dem Team nicht zur Verfügung. Der Erfolg des Films lebt vom persönlichen Austausch – von Menschen, die ins Kino gehen und anderen davon erzählen. Die Bayreuther Premiere bietet genau dafür den idealen Rahmen: Filmvorführung, Publikumsgespräch und Begegnung mit den Kreativen.
Filmvorführung und Filmgespräch
Wann? Freitag, 6. März 2026, Beginn: 18:15 Uhr
Wo? Cineplex Franz & Gloria in Bayreuth
Was? Zuerst wird der Film gezeigt (99 Minuten), dann folgt das Filmgespräch
Teilnehmer: Co-Regisseur Toby Schmutzler, Produzentin Lydia Wrensch und Hauptdarstellerin Michelle Lemuya