„Dem Spuk auf den Grund gehen“
Bayreuther Studierende haben im Rahmen einer eineinhalbtägigen Exkursion das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg besucht. Die Reise bildete den Abschluss eines gemeinsamen Seminars der Universitäten Bayreuth und Freiburg zum Thema „Das Paranormale“ aus religionssoziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Im Mittelpunkt standen aktuelle Forschungsansätze zu außergewöhnlichen Erfahrungen, ihre gesellschaftliche Deutung sowie Einblicke in Archiv- und Beratungsarbeit des IGPP.
Welche gesellschaftlichen Dynamiken tragen zur Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien bei? Wie reagieren Menschen auf Spukphänomene in ihrer näheren Umgebung? Und welche lebensweltlichen Deutungen dominieren bei paranormalen Erfahrungen? Diese und ähnliche Fragestellungen bildeten den Auftakt zu einer eineinhalbtägigen Exkursion von Bayreuther Studierenden zum Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg im Breisgau, die unter der Leitung von Prof. Bernt Schnettler stattfand. Die Reise bildete den Abschluss eines kooperativen Seminars von Lehrenden und Studierenden der Universitäten Bayreuth und Freiburg über „Das Paranormale“ in religionssoziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Ziel der Exkursion war es, unmittelbare Einblicke in die Geschichte und Forschungsschwerpunkte des IGPP zu gewinnen und im Seminar erarbeitete Fragestellungen mit Expertinnen und Experten vor Ort zu diskutieren.
Am IGPP wurden die Bayreuther Teilnehmenden von Dr. Ina Schmied-Knittel und den Freiburger Studierenden herzlich begrüßt. Die Veranstaltung begann mit der Vorstellung des vom IGPP unter der Leitung von Dr. Schmied-Knittel durchgeführten „Psi-Report Deutschland“, einer repräsentativen Bevölkerungsstudie zur systematischen Erfassung der Verbreitung außergewöhnlicher Erfahrungen. Im Zentrum stand dabei nicht die Frage einer möglichen „objektiven Existenz“ paranormaler Phänomene, sondern deren subjektiver Erfahrungen und deren Deutungen innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Kontexte. Der Begriff „außergewöhnliche Erfahrungen“ fungiert in diesem Zusammenhang als übergeordnete Bezeichnung für Erlebnisse, die im Alltag als Vorahnungen, Gedankenübertragung, Spukphänomene oder andere „übersinnliche Erfahrungen“ gedeutet werden.
75 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal im Leben eine solche Erfahrung gemacht zu haben, womit der „Psi-Report“ eine enorm große Verbreitung außergewöhnlicher Erfahrungen in der deutschen Bevölkerung nachweisen konnte. Die Randständigkeit solcher Phänomene ist damit in Frage gestellt.
Nach anschließender Diskussion, wie die Ergebnisse des „Psi-Reports“ zu interpretieren seien, brachen die Teilnehmenden gemeinsam mit Dipl.-Psychologe Eberhard Bauer, dem stellvertretenden Institutsleiter des IGPP, zu einer kurzen Stadtführung über die Anfänge der parapsychologischen Forschung in Freiburg auf.
Von Reichsflugscheiben, Jesus-Erscheinungen und Nazi-Okkultisten
Die zweite Programmhälfte der Exkursion startete mit einer Führung durch das Archiv des IGPP. Zwischen unzähligen Regalmetern Kisten und Büchern stehend, erläuterte Archivar Andreas Fischer die herausragende Bedeutung des IGPP-Archivs für die europäische Wissenschaftslandschaft und Geschichte der Parapsychologie in Deutschland. Das Archiv gliedert sich in drei Schwerpunkte: Erstens umfasst es Nachlässe und Teilnachlässe zentraler Persönlichkeiten der europäischen Parapsychologiegeschichte, zweitens enthält es umfangreiche Archivalien aus der kontinuierlichen Institutsarbeit seit 1950, darunter Fallstudien zu Spukphänomenen sowie Materialien aus empirischen Untersuchungen und drittens wird dieser Bestand ergänzt durch diverse Sammlungen, wie Pressedokumentationen zum Thema oder einschlägige universitäre Abschlussarbeiten.
Das weltanschaulich neutral eingestellte IGPP betreibt neben Forschung auch einen kostenlosen Beratungs- und Informationsservice für Menschen mit außergewöhnlichen – „paranormalen“ – Erfahrungen. Ein professionell ausgebildetes Team von Psychologinnen und Psychotherapeutinnen beantworten hier durchschnittlich bis zu 70 Anfragen pro Jahr, wobei das Spektrum von „klassischen Spukfällen“ bis hin zu meditationsinduzierten Krisen reicht.
Um Ambivalenzen ging es dann im Vortrag des letzten Referenten, Dominik Hugel, der sich dem Verhältnis von Okkultismus und Nationalsozialismus widmete. Hugel zeigte auf, dass der NS-Staat einerseits die Parapsychologie dezidiert, bekämpfte, während andererseits ein pragmatischer Umgang mit okkulten Praktiken herrschte, sofern sie dem Regime dienlich erschienen.
Rückblickend verdichteten sich zwei Tage im „locus occultus“ zu einer Erfahrung der Annäherung an ein Forschungsfeld, das sich – wie der Forschungsgegenstand selbst – eindeutigen Zuschreibungen und Festlegungen entzieht. Wenn überhaupt, dann steht am Ende dieser kurzen Reise die zentrale Erkenntnis, jene Phänomene, Praktiken und Strömungen, die in der akademischen Forschung unter dem Begriff des „Okkultismus“ oder der „Esoterik“ subsumiert werden, nicht ausschließlich in ihrer Singularität zu erfassen und damit weiter zu isolieren, sondern im Zusammenhang mit ihren jeweiligen lebensweltlichen Kontexten zu betrachten.

