Your browser is outdated. We recommend an update or using another browser.

Ihr Browser ist veraltet. Wir empfehlen Ihnen ein Update oder einen anderen Browser.
 

Seit Oktober 2022 haben Sie die Theodor-Heuss-Professur an der New School in New York inne, einer US-amerikanischen Universität mit einer besonderen Tradition: 1919 als New School for Social Research gegründet, hat sie nach 1933 zahlreichen verfolgten und in die USA emigrierten Sozial- und Politikwissenschaftler*innen die Möglichkeit gegeben, ihre Forschungsarbeit im Exil fortzusetzen, darunter Alfred Schütz, Wilhelm Reich, Karen Horney, Karl Löwith, Hannah Arendt und Hans Jonas. Vor diesem Hintergrund fördert die Bundesrepublik Deutschland seit 1962 die nach ihrem ersten Bundespräsidenten benannte Theodor-Heuss-Professur. Die Professur wird jeweils für ein Jahr an Wissenschaftler*innen aus dem deutschsprachigen Raum verliehen, vor allem auf Gebieten der Philosophie, der Psychologie sowie der Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Als Theodor-Heuss-Professorin haben Sie prominente Vorgänger*innen, wie etwa Jürgen Habermas, Iring Fetscher, Niklas Luhmann oder aus jüngster Zeit Rahel Jaeggi und Richard Rottenburg. Ist die große Tradition der New School mit ihren wissenschaftlichen Verbindungen nach Europa heute noch am Campus spürbar?

Katharina Schramm: Die New School ist ja keine klassische amerikanische Campusuniversität, sondern die Gebäude befinden sich mitten in der Stadt rund um den Union Square. Das heißt, auch die intellektuellen Aktivitäten sind verstreut, und die Auswirkungen der Pandemie sind darüber hinaus spürbar. Erst in diesem Semester kehrt der akademische Betrieb langsam zu einer „Normalität“ zurück. Die New School besteht heute aus verschiedenen Bereichen, so unter anderem der Parsons School of Design oder auch der Mannes School of Music. Die Heuss-Professur ist an der New School of Social Research (NSSR) angesiedelt. Hier gibt es nach wie vor zahlreiche Verbindungen nach Europa und auch nach Deutschland. Das zeigt sich nicht nur in konkreten Forschungskollaborationen, sondern auch in der besonderen Wertschätzung für kritische Theorie sowie im eher linken politischen Selbstverständnis der New School, das an diese kritischen Traditionen angelehnt ist. 

Prof Dr. Katharina Schramm. Foto: Andi Weiland (li.). Das New School University Center in New York. Foto: Ajay Suresh, New York (oben).

Zu welchen Themen werden Sie in den kommenden Monaten in New York forschen und lehren?

K.S.: Momentan unterrichte ich im Bachelor einen Kurs zur Konzeption von Rasse/race in den Science and Technology Studies (STS). In diesem Bereich habe ich in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet, und es ist interessant, diese Fragen mit den hiesigen Studierenden zu erörtern. Bis Ende des Jahres möchte ich einen Sammelband fertigstellen, den ich gemeinsam mit Sabelo Ndlovu-Gatsheni herausgebe, der an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Epistemologien des Globalen Südens innehat. In dieser Veröffentlichung beschäftigen wir uns mit Fragen von Wissen und Dekolonisierung. Ab Januar 2023 unterrichte ich dann einen Kurs zu „Methodologies of Care“. Dabei möchte ich mit den Masterstudierenden und Doktorand*innen darüber diskutieren, wie wir neue empirische Forschungsformate entwickeln können, um den Herausforderungen dekolonialer Wissensproduktion zu begegnen. In dieser zweiten Hälfte meines Aufenthaltes werde ich an einem Buchprojekt zur Problematik von Rasse/race arbeiten.

Wie würden Sie, wenn Sie auf die europäisch beeinflussten Sozialwissenschaften an der New School zurückblicken, Ihre eigenen Forschungsprojekte zu Rassismus und Dekolonialisierung hier einordnen? Könnte man – sehr verallgemeinernd – sagen, dass eine von westlichen Betrachtungsweisen geprägte, politisch überwiegend im progressiv-liberalen Spektrum verortete Sozialforschung heute durch neue Forschungsansätze aus dem Globalen Süden nicht nur ergänzt, sondern auch grundsätzlich verändert wird?

K.S.: Wissenschaft, die sich als kritische Auseinandersetzung mit der Welt versteht, sollte grundsätzlich offen und beweglich sein. Insofern ist der Veränderungsprozess unumgänglich. Dieser Prozess betrifft nicht nur epistemologische oder institutionelle Fragen, sondern auch das Verhältnis von Universität und Gesellschaft: Welche Rolle soll und kann die Universität hier spielen? Ich plädiere unbedingt dafür, die Universität als kritischen Diskussions- und Reflektionsraum zu erhalten und zu kultivieren. Hier kommt den Geistes- und Sozialwissenschaften eine besonders wichtige Rolle zu. Aber Professor*innen haben auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, sondern sie sind im besten Falle ebenso Lernende. Und Lernen schließt das Zuhören ein. Dekoloniale Forschungsansätze wie die „Pluriversity“, die die Multiplizität von Wissensformen und Expertisen betonen, können und sollen die Art zu forschen, zu lehren und zu lernen verändern.

Wie würden Sie die Diversität der Studierenden, Lehrenden und Forschenden an der New School beschreiben? Haben viele von ihnen einen Migrationshintergrund, und wie wirkt sich dies in Ihren Lehrveranstaltungen zu Fragen der Rassismusforschung aus?

K.S.: Es ist interessant, dass Sie hier von „Migrationshintergrund“ sprechen – im Einwanderungsland USA ist dieses Vokabular nicht gebräuchlich. Allerdings sind Rasse/race und Rassismus allgegenwärtig. Die Studierenden, die ich derzeit im Bachelor unterrichte, kommen überwiegend aus den USA, bringen aber sehr unterschiedliche Erfahrungen und Hintergründe mit – durch ihre Familien, ihre Communities, ihren Lebensalltag und natürlich auch durch ihre Position innerhalb einer von Rassismus geprägten Gesellschaft. Wenn wir im Seminar darüber diskutieren, wie Rasse/race beispielsweise in medizinische Technologien eingeschrieben ist, stellen die Studierenden das in sehr unmittelbaren Zusammenhang mit ihren eigenen Realitäten. Sie sind auch sehr interessiert daran, wie in Deutschland und Europa über Rassismus diskutiert wird. 

Eingang zum New School University Center (oben). Aufgang zur New School of Social Research (re.). Fotos: Katharina Schramm.

Derzeit wird am Obersten Gerichtshof der USA darüber verhandelt, ob die Politik der „affirmative action“ verfassungskonform ist. Damit ist die an US-amerikanischen Universitäten weit verbreitete Praxis gemeint, Angehörigen von Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer Hautfarbe und ethnischen Herkunft traditionell benachteiligt und diskriminiert wurden, den Zugang zur Hochschulbildung zu erleichtern. Spielt diese Debatte auch an der New School eine Rolle?

K.S.: Auf jeden Fall. Dieses Urteil wird mit Sorge erwartet, weil es sich womöglich in eine Anzahl von Urteilen einreiht, die fundamentale progressive Errungenschaften der letzten Jahre, wie das Recht auf Abtreibung, rückgängig gemacht haben. Als Privatuniversität hat die New School nach wie vor Handlungsspielräume und der Präsident, Dr. Dwight A. McBride, hat deutlich gemacht, dass die New School an Maßnahmen zur Antidiskriminierung und zur verbesserten Teilhabe für unterrepräsentierte Minderheiten festhalten will. Allerdings muss man auch sagen, dass das Problem des ungleichen Zugangs zu Bildungs- und Lebenschancen viel größer ist. Es beginnt bereits in der Unterfinanzierung der öffentlichen Schulen und setzt sich im privatisierten System der Eliteuniversitäten und ihrer exorbitanten Studiengebühren fort. Stipendienprogramme und ähnliche Maßnahmen sind hier eher ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Die Zivilgesellschaft der USA ist heute in zwei große politische Strömungen gespalten, die sich immer weiter voneinander entfernen. Es ist gelegentlich von einem „cultural war“ zwischen Konservatismus und Liberalismus die Rede, und es erscheint zunehmend zweifelhaft, ob sich Vertreter*innen beider Lager in grundlegenden Fragen noch auf eine gemeinsame Faktenbasis einigen können. Der Wahlkampf im Vorfeld der Midterm elections hat dies erneut deutlich gemacht. Wie spiegelt sich diese Spaltung in wissenschaftlichen und forschungspolitischen Auseinandersetzungen wider, die Sie derzeit in New York erleben?

K.S.: Heute, am 8. November, ist Wahltag und tatsächlich ist die gesellschaftliche Spaltung vor allem in den Medien sehr deutlich spürbar. Dabei geht es nicht zuletzt um die Aufrechterhaltung der Demokratie als Gesellschaftsmodell. Wie auch in Deutschland und anderswo in Europa wird die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, vor allem von konservativer Seite zu einer Identitätsfrage erklärt. Forderungen nach Gleichberechtigung, zum Beispiel von Schwarzen Menschen (Black Lives Matter) oder Trans*menschen, werden als Bedrohung der bestehenden Ordnung wahrgenommen. Natürlich spiegeln sich diese Debatten auch im akademischen Rahmen. Studierende setzen neue Fragen auf die Agenda und fordern eine andere akademische Kultur (zum Beispiel frei von Sexismus). Ich denke, es ist in der Verantwortung von uns als Lehrenden, darauf einzugehen und Raum für Auseinandersetzungen zu schaffen. Ein direktes Aufeinanderprallen der von Ihnen skizzierten „Lager“ habe ich hier allerdings noch nicht erlebt. New York ist aber als kosmopolitische Großstadt auch eher eine „Blase“ und die New School ebenfalls. Spürbar ist hier vor allem der enorme ökonomische Druck, unter dem die Menschen stehen, um sich das Leben in New York City überhaupt leisten zu können.

Sehen Sie beim kritischen Umgang mit Kolonialismus und Rassismus grundsätzliche Unterschiede zwischen den Gesellschaften in Europa und in Nordamerika?

K.S.: Es gibt viele Überschneidungen, aber natürlich auch massive Unterschiede in der Art des Umgangs. Die USA sind eine Siedlerkolonie, und die Frage des Landes spielt eine wichtige Rolle. Auch in den Fluren der New School gibt es Plakate, die daran erinnern, dass sie auf „stolen land“ errichtet wurde. Hinzu kommt das Erbe von Sklaverei und Rassismus, das die US-amerikanische Gesellschaft bis heute prägt – so etwa in der Unverhältnismäßigkeit von Gefängnisstrafen für Schwarze Menschen. Abolitionistische Wissenschaftler*innen wie Ruth Wilson Gilmore sprechen daher von einem „carceral state“ und plädieren für die Abschaffung des Gefängnissystems. In Deutschland finden diese Diskussionen ebenfalls Widerhall, aber es existieren auch andere Konstellationen und Themenfelder. So gibt es erst in den letzten Jahren überhaupt ein wachsendes Bewusstsein über die eigene koloniale Vergangenheit – wobei vor allem die ethnologischen Museen und Sammlungen sowie die Erinnerung im öffentlichen Raum, über Straßennamen oder auch kolonialrassistische Symbole wie die Bayreuther M*apotheke, zum Ort der Auseinandersetzung wurden. Darüber hinaus wird Rassismus in Europa häufig identitär und mit Bezug auf kulturelle Differenz artikuliert, etwa im antimuslimischen Rassismus von Pegida und ähnlichen Initiativen. In meinen Augen ist es wichtig, diese lokalen Spezifiken herauszuarbeiten, ohne dabei die größeren Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren.

Vor wenigen Tagen haben Sie in New York Ihre Antrittsvorlesung gehalten, mit einem ungewöhnlichen und etwas provokant klingenden Titel: „Fire Is Good to Think With: Protest as a Mode of Theorizing“. Worum ging es dabei, und wie war die Resonanz auf Ihren Vortrag?

K.S.: In meiner Vorlesung ging es konkret um die südafrikanische Studierendenbewegung Rhodes Must Fall / Fees Must Fall und die Mobilisierung von Feuer als Form der Kritik. Ich habe darin theoretische Überlegungen aus den postkolonialen Science & Technology Studies mit Ansätzen aus der politischen Theorie zusammengeführt, um über das Verhältnis von akademischer und aktivistischer Praxis nachzudenken. Feuer ist dabei besonders interessant, weil es widersprüchlich ist, nämlich potenziell zugleich zerstörerisch und generativ, also Neues hervorbringend. Vielfach wurden Studierende für ihre Ungeduld und ihre vermeintlich affektgesteuerten Handlungen kritisiert – mir ging es darum, einen anderen Zugang zu Formen des Protestes als eigenständiger Wissensformation zu finden. Es waren erfreulich viele Zuhörer*innen da, und die Diskussion war sehr anregend. Ich freue mich auf den weiteren Austausch in den kommenden Monaten. 

placeholder

Prof. Dr. Katharina SchrammSozial- und Kulturanthropologie Universität Bayreuth z.Zt. New School of Social Research, NY

E-Mail: katharina.schramm@uni-bayreuth.de
placeholder

Christian WißlerStellvertretender Pressesprecher - Wissenschaftskommunikation, Universität Bayreuth

Telefon: +49 (0)921 / 55-5356
E-Mail: christian.wissler@uni-bayreuth.de

Webmaster: Team UBTaktuell