
„Wir müssen Wissenschaft verkaufen“
Wie gelingt Wissenschaftskommunikation, die wirkt? In ihrem neuen Kurs an der Uni Bayreuth verbindet die Wissenschaftskommunikatorin Dr. Wiebke Finkler strategische Wissenschaftskommunikation mit Marketing, Psychologie und praktischem Filmemachen. Ziel ist es, Studierende zu befähigen, relevante Geschichten zu erzählen, Menschen zu erreichen und Wissenschaft sichtbar und wirksam zu machen. Nicht nur in der Antarktis, sondern auch in Bayreuth.
Wiebke Finkler bei Filmaufnahmen in der Antarktis. Im Bild-Hintergrund sind See-Elefanten zu sehen
Wiebke Finkler
Von Oberfranken nach Neuseeland – und wieder zurück: Für Dr. Wiebke Finkler schließt sich an der Universität Bayreuth ein Kreis. „Ich bin lange zwischen zwei Welten unterwegs gewesen – aber jetzt hat sich erstmals die Möglichkeit ergeben, an der Universität Bayreuth einen Kurs anzubieten“, sagt sie. Während eines Sabbaticals 2024 lernte sie hier unter anderem Professor Martin Obst (Experimentelle Biogeochemie) kennen. Aus ersten Gesprächen entstand schnell mehr: die Idee nämlich, Wissenschaftskommunikation vor Ort strategisch auszubauen – und erstmals einen eigenen Kurs dazu anzubieten. Der erste – theoretische - Teil des Kurses ist bereits gelaufen, in Kürze starten die Teilnehmer mit konkreten Filmprojekten.
Vom Labor zur Kamera – und in die Welt der Geschichten
Finklers Weg in die Wissenschaftskommunikation verlief alles andere als geradlinig. In Greifswald studierte sie Biologie, spezialisierte sich später auf Meeresbiologie und arbeitete mit Killerwalen vor der nordamerikanischen Küste. Doch schon damals spürte sie, dass sie etwas anderes stärker faszinierte: „Die Forschung selber war zwar interessant – aber ich war mehr und mehr am Thema Kommunikation im wissenschaftlichen Umfeld interessiert.“
Ein Dokumentarfilm-Kurs wurde zum Wendepunkt. „Das hat mir eine ganz neue Welt erschlossen“, sagt die gebürtige Bremerin. Wissenschaft nicht nur zu betreiben, sondern sie visuell zu erzählen – kreativ, künstlerisch, emotional – das zog sie in den Bann. Ihr Weg führte sie schließlich nach Neuseeland, an die University of Otago. „Knapp 30 Jahre später bin ich immer noch da.“
„Raising Awareness ist nicht mehr genug“
Was Finkler an Wissenschaftskommunikation begeistert, ist der Perspektivwechsel: weg von reiner Wissensvermittlung, hin zu echter Wirkung. „Raising Awareness ist nicht mehr genug“, betont sie. „Wenn sich hinterher nichts ändert.“ Sie plädiert für einen strategischeren Ansatz, der sich auch Methoden aus Marketing und Psychologie zunutze macht. „Wir müssen verstehen, wen wir erreichen wollen – und wie.“ Ziel sei Kommunikation, die Verhalten verändern kann: „Behaviour Change ist möglich – aber dafür brauchen wir bessere Werkzeuge.“
Ein Schlüssel dafür liegt für sie in Strategie, Emotionen und Storytelling. „Warum sollten Menschen sich für Wissenschaft interessieren, wenn sie für ihr eigenes Leben nicht relevant ist?“ Kommunikation müsse berühren, nicht nur informieren. Grundlage dafür sind eine konsequent zielgruppenorientierte Kommunikation sowie fundierte Forschung, die die Bedürfnisse, Werte und Perspektiven der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Und: „Wir müssen die Menschen zu den Helden der Geschichte machen – nicht die Wissenschaftler.“ Citizen Science sei dafür ein gutes Beispiel: Menschen werden aktiv eingebunden und erleben Selbstwirksamkeit.
Vom Wal zur Wissenschaft – und zurück
Ihre Erfahrungen aus der Meeresbiologie prägen Finkler bis heute. Begegnungen mit „charismatic megafauna“ – Walen, Delfinen, Pinguinen – hätten ihr gezeigt, wie stark Emotionen wirken können. „Diese Tiere haben eine unglaubliche Wirkung auf Menschen.“ Diese Kraft könne – müsse – man nutzen, um wissenschaftliche Inhalte zugänglich zu machen. Gleichzeitig warnt sie davor, nur auf „cute“ Themen zu setzen: „Man darf die weniger sichtbaren oder weniger ‚cuten‘ Themen nicht vergessen – aber es ist oft leichter, über Delfine oder Pinguine einzusteigen als über einen unansehnlichen Käfer.“
Der Kurs: Wissenschaft, Marketing – und Filmemachen
All diese Ansätze bringt Finkler nun in ihren neuen Kurs an der Universität Bayreuth ein. Er basiert auf drei Säulen: klassische Wissenschaftskommunikation, strategische Kommunikation und Marketing – sowie praktisches Filmemachen. Im Wording ist sie bewusst provokant: „Wir müssen unsere Wissenschaft richtiggehend verkaufen. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Menschen den Wert von Wissenschaft automatisch erkennen.“ Besonderes Augenmerk legt sie deshalb auf Mobile Filmmaking. „Die beste Kamera ist die, die wir in der Tasche haben.“ Die Studierenden lernen, mit einfachen Mitteln und dem eigenen Handy Videos zu produzieren – von der Idee über das Storyboard bis zum fertigen Film. Ihr wichtigstes Ziel: Selbstwirksamkeit. „Mein Hauptziel ist, dass die Leute am Ende sagen: ‚I can do it.‘“ Technische Perfektion sei dabei zweitrangig. „Ein bisschen Verwackeln ist dann auch mal okay – das ist auch authentisch.“ Gerade in Social Media zähle die Geschichte mehr als die Hochglanzproduktion.
Lernen an echten Projekten
Ein besonderes Element des Kurses ist die Arbeit mit realen Auftraggebern – etwa aus dem Nachhaltigkeitsbereich oder in Kooperation mit den Stadtwerken Bayreuth. Exkursionen und Praxisphasen sind fest integriert. „Die Studierenden arbeiten an echten Projekten – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt.“
Am 2. Juli werden die Ergebnisse öffentlich präsentiert. „Eine Premiere, bei der alle, die das wollen, sehen können, was bei unserem Projekt so alles entstanden ist.“
„Wir brauchen Stories of Hope“
Finkler beschäftigt auch die Frage, wie man über große gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel kommuniziert. Viele Menschen fühlten sich gerade bei komplexen Themenstellungen überfordert oder gelähmt. Wissenschaftskommunikation und behavioural science können hier gegensteuern – wenn sie Hoffnung vermittelt. „Wir brauchen Stories of Hope“, sagt die Weltenbummlerin. Geschichten, die zeigen, dass Veränderung möglich ist, dass Menschen etwas bewirken können. „Es geht darum, den Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben – für positive Veränderung.“
Auch Künstliche Intelligenz spielt im Kurs eine Rolle. „Man kann das heute nicht mehr ignorieren.“ KI sei ein Werkzeug – aber eines, das Risiken berge, etwa durch Fake News. „Es wird immer schwerer zu erkennen, was echt ist und was nicht.“ Umso wichtiger sei es, entsprechende Kompetenzen zu vermitteln.
Ein Modell für die Zukunft?
Ob der Kurs nach der Premiere erneut angeboten wird,
ist noch offen. Das Interesse ist groß: „Wir sind fast voll“, sagt Finkler.
„Wenn es gut klappt, komme ich gerne nächstes Jahr wieder.“ Eines aber steht
für sie schon heute fest: Wissenschaftskommunikation wird künftig noch
wichtiger – und sie muss mutiger werden. „Wir müssen raus aus der Komfortzone“,
fordert sie. Es brauche „mehr Emotion, mehr Strategie. Und mehr Wirkung.“
Zur Person
Dr. Wiebke Finkler ist Wissenschaftskommunikatorin, Marketing Researcher und Senior Lecturer an der University of Otago in Neuseeland.
Nach ihrem Studium und ihrer Promotion in Neuseeland spezialisierte sie sich auf die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an ein breites Publikum, insbesondere im Kontext von Umwelt- und Verhaltensthemen. Geboren in Bremen und aufgewachsen in Hessen und auch bei Großeltern in Oberfranken, führte ihr beruflicher Weg sie nach Neuseeland, wo sie heute Forschung, Lehre und praxisorientierte Projekte in der Wissenschaftskommunikation und behaviour change marketing verbindet. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf innovativen Formaten wie visuellem Storytelling und Mobile Filmmaking sowie auf der Frage, wie Kommunikation gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann. Internationale Anerkennung erhielt sie unter anderem für ihr Filmprojekt „Mount Kinabalu“, das beim 11th International Kuala Lumpur Eco Film Festival 2018 mit dem Special Jury Award ausgezeichnet wurde. Wiebke ist außerdem die Autorin des preisgekrönten Buches The Science of Hope: Eye to Eye with our World's Wildlife, das 2021 international bei Exisle Publishing erschienen ist.
Das Rossmeer (Ross Sea) liegt zwischen dem Marie-Byrd-Land und Victorialand im südlichen Ozean in der Antarktis.
Wiebke Finkler
