Heidrun Piwernetz wechselt zu einer Behörde, die kontrolliert, ob staatliche Mittel ordnungsgemäß und wirtschaftlich nach den gesetzlichen Regeln verwendet werden. Mit anderen Worten: Sie schaut den Behörden und Ministerien auf die Finger. Der Landtag wählte die 60-jährige Juristin am Dienstag, den 4. Juli 2023 zur ersten Frau auf den Posten in der 211-jährigen Geschichte der Behörde. Piwernetz wird die Stelle am 1. September antreten. Die Grundlage für ihre Karriere wurde in Bayreuth gelegt: An unserer Uni studierte sie Jura.

UBTaktuell: Warum haben Sie sich damals für ein Jurastudium entschieden?

Heidrun Piwernetz: Zum Zeitpunkt der Studienauswahl hatte ich noch keine ausgeprägte Vorstellung von meinem Berufsleben und habe deshalb ein Studium gesucht, das Türen in alle Richtungen öffnet. Als Juristin kann man ja an der Gestaltung von Lebensbedingungen in Staat und Gesellschaft in verschiedenster Weise mitwirken. Ein Jurastudium eröffnet sehr weitgehende Berufs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Juristinnen und Juristen können in Anwaltskanzleien und Unternehmen arbeiten, in Gerichten oder Behörden und bei vielen weiteren Organisationen. Sie können unter verschiedenen Fachrichtungen wie dem Zivilrecht oder natürlich vorzugsweise auch dem Öffentlichen Recht wählen. Je nach persönlichen Vorlieben können sie als Spezialisten oder in Querschnittsbereichen tätig sein.

Warum in Bayreuth?

Ich bin in Bayreuth geboren und im Landkreis Bayreuth aufgewachsen. Die Familie ist 1970 nach Speyer in Rheinland-Pfalz umgezogen. Nach meinem Abitur in Speyer wollte ich zum Studium nach Bayern zurückkommen. Damals wurden die Jura-Studienplätze über die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) zugeteilt. In meinem Antrag stand Bayreuth auf Platz 1 der Wunschstudienorte. Ich wollte an eine kleinere Universität mit persönlicheren Bezügen und außerdem zog es mich zurück in die Heimat. Ein entscheidendes Argument war auch die Wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung, die schon zu meiner Studienzeit in Bayreuth ergänzend zum Jurastudium angeboten wurde. Damals haben BWLer und Juristen oft um die gleichen Arbeitsplätze konkurriert.

Wenn Sie an ihre Studienzeit zurückdenken, an was erinnern Sie sich am liebsten?

Wenn ich zurückblicke, fallen mir immer zuerst die Kommilitoninnen und Kommilitonen ein, mit denen ich gemeinsam gelernt, aber auch die lernfreie Zeit genossen habe. Viele dieser Kontakte bestehen jetzt schon Jahrzehnte. Zudem punktet Bayreuth und die Region mit einem sehr großen, attraktiven Freizeitangebot. Man kann Kultur jeder Art genießen, ist aber auch schnell in der Natur, sei es im Fichtelgebirge oder in der Fränkischen Schweiz. In der Genussregion Oberfranken ließ und lässt es sich überhaupt sehr gut leben, auch mit einem studentischen Geldbeutel.

Was möchten Sie Studierenden an der Uni Bayreuth mit auf den Weg geben?

Zuversicht und ansonsten leichtes Gepäck. Aber Spaß beiseite: In meinen Augen ist es das Privileg der Jugend, sich auszuprobieren und die Welt zu entdecken. Deshalb: Nutzt das Angebot der Universität, der Stadt und Region Bayreuth und überhaupt in Oberfranken voll aus. Die Universität bietet eine Vielzahl von akademischen Programmen und Aktivitäten. Engagiert euch in studentischen Organisationen, beteiligt euch an Projekten und Praktika, um eure Fähigkeiten und Erfahrungen zu erweitern. Übrigens: Auch der öffentliche Dienst und natürlich die Regierung von Oberfranken bieten interessante Karrieremöglichkeiten in den verschiedensten Fachbereichen. Seid offen für interdisziplinäres Arbeiten und Lernen. Der Blick über den Tellerrand erweitert das Denken und die eigene Perspektive. Bei all dem sollte das sprichwörtliche Studentenleben natürlich nicht zu kurz kommen.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: Bayreuth ist für mich... 

 … meine Heimat und eine lebenswerte, attraktive Universitätsstadt, die praktisch alles bietet, was man zum Leben braucht, sich auch in Folge des Weltkulturerbestatus nochmals hervorragend weiterentwickelt hat und beste Zukunftschancen in Wirtschaft, Handwerk und dem Öffentlichen Dienst bei verschiedensten Arbeitgebern bietet.

Heidrun Piwernetz wurde 1962 in Bayreuth geboren. Nach dem Jura-Studium an der Universität Bayreuth begann sie ihre berufliche Laufbahn 1988 an der Regierung von Oberfranken, wo sie im Mai 1990 die Leitung der Stabsstelle Presse und Öffentlichkeitsarbeit übernahm. 1992 ging es nach München: Bis Februar 1995 war sie stellvertretende Pressesprecherin Pressereferentin im Innenministerium, dann Pressereferentin in der Staatskanzlei. 1996 wurde Heidrun Piwernetz persönliche Referentin des damaligen Innenministers Günther Beckstein und Leiterin des Ministerbüros. 2000 wurde sie Regierungsvizepräsidentin von Unterfranken, 2004 Regierungsvizepräsidentin von Oberbayern. 2007 bis 2010 hatte sie einen der schönsten Bayerischen Arbeitsplätze: Sie leitete die Vertretung des Freistaats Bayern bei der EU in Brüssel. Anschließend ging es nach Berlin, wo Piwernetz bis 2011 die Vertretung des Freistaats Bayern beim Bund leitete, und dann wieder nach München als Generallandesanwältin bei der Landesanwaltschaft Bayern. Am 1. März 2016 trat sie ihr Amt als Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Oberfranken an. Nun führt sie ihr Weg wieder in die Landeshauptstadt: Am 1. September wird Heidrun Piwernetz Bayerns erste weibliche Präsidentin des Bayerischen Obersten Rechnungshofs.

Als Vorsitzende im Verein Oberfranken Offensiv konnte man Sie als unermüdliche Werberin für die Lebensqualität Oberfrankens kennenlernen. Sagen Sie uns, warum ist diese besser als in einer Großstadt?

Ein spannendes, innovatives, lebenswertes Umfeld wird oft automatisch den Ballungsräumen zugeschrieben. Tatsächlich hat man im gesamten Regierungsbezirk Oberfranken mit dem gleichen Zeitaufwand praktisch dieselben Optionen, wenn man bedenkt, wie lange man in Großstädten, gerade in Stoßzeiten, unterwegs ist, um zu seinem Ziel zu gelangen. Das machen wir uns nur zu wenig klar. Außerdem ist bei uns der Euro vergleichsweise mehr wert, das Leben im Schnitt günstiger. Familien finden bezahlbaren, ausreichend großen Wohnraum, Angebote der Kinderbetreuung in Kitas, Ganztagsschulen oder Horten und ein sicheres Umfeld. Zurecht genießt Oberfranken den Ruf als exzellente Familienregion. Karriere- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten bestehen bei uns ebenso wie in den Ballungsräumen, gerade im wirtschaftlich so bedeutenden Mittelstand, der bei uns ja international aufgestellt ist. Der Spirit der Startup-Szene rund um die Gründerzentren und Fakultäten der Hochschulen und Universitäten, auch an den neuen dezentralen Standorten, ist regelrecht greifbar. Einen großen Sprung nach vorne haben wir dank der Digitalisierung und der Möglichkeiten von Homeoffice und Coworking insbesondere in den Corona-Zeiten gemacht. Münchner Konzerne und Großbetriebe werben am Standort Oberfranken um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit 100% Telearbeit. Das beweist, dass unsere Angebote absolut auf Augenhöhe sind, technisch und erst recht qualitativ.

Jetzt ist München wieder Ihr Lebensmittelpunkt – freuen Sie sich dennoch darauf?

Die Wehmut, Oberfranken als Lebensmittelpunkt nun vorerst hinter mir zu lassen müssen, ist schon groß. Die 7 ½ Jahre Arbeit als Regierungspräsidentin von Oberfranken und die damit verbundenen Ämter, wie u.a. als Co-Vorsitzende bei Oberfranken Offensiv oder als Vorsitzende der Oberfrankenstiftung haben mir viel Freude und Erfüllung gebracht. Gemeinsam haben wir in diesen Institutionen auch viel bewegt und geschafft. Ich finde, Oberfranken steht insgesamt gut da. Aber natürlich freue ich mich auch sehr auf die neue Aufgabe als Präsidentin des Bayerischen Obersten Rechnungshofes und empfinde es als große Ehre, zukünftig einer obersten bayerischen Staatsbehörde vorstehen zu dürfen.

Neu ist München für Sie nicht: Sie waren bereits in der Staatskanzlei und im Innenministerium tätig – wie quasi alle Ihre Vorgänger im Amt des ORH-Präsidenten. Das klingt nach einem sehr straighten Karriereplan. War dem so? Oder was war das Karriereziel direkt nach dem Studium?

Wohin mich die Reise konkret führen wird, konnte ich zum damaligen Zeitpunkt nach dem Studium und Referendariat natürlich noch nicht absehen. Ein solcher Lebensweg ist nicht planbar. Eine Präferenz für den öffentlichen Bereich hatte ich schon im Studium. Meine Wahlstation in Speyer an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften hat mir das noch einmal bestätigt. Nach Eintritt in den Dienst der Bayerische Staatsverwaltung war ich stets offen für Veränderungen und bin dankbar, dass ich immer wieder gefragt wurde, wenn interessante Positionen neu zu besetzen waren. Wechselchancen habe ich beherzt wahrgenommen, immer unterstützt von meinem privaten Umfeld.

Sie können jetzt der Staatsregierung „auf die Finger schauen“, sie „rüffeln“- wie viele Medien schrieben - für sinnlose Ausgaben und nachfragen, wenn eine Maßnahme seltsam erscheint. Wie fühlt sich das an?

Im Rechnungshofgesetz heißt es, der Oberste Rechnungshof ist eine der Staatsregierung gegenüber selbständige, nur dem Gesetz unterworfene oberste Staatsbehörde. Der ORH steht in gewisser Weise neben den drei klassischen Staatsgewalten (Gesetzgebung, vollziehende Gewalt, Rechtsprechung). Er ist eine tragende Säule in unserem demokratischen System, in dem alle Kräfte und Institutionen zusammenspielen müssen. Dem ORH kommt dabei eine ganz wichtige Rolle zu. Er achtet darauf, dass die aufgebrachten staatlichen Mittel ordnungsgemäß und wirtschaftlich nach den gesetzlichen Regeln verwendet werden. Die Arbeit des ORH ist damit auch Grundlage für Vertrauen in den Staat. Die für mich nach vielen Berufsjahren mit der Stellung des ORH erstmals eröffnete richterliche Unabhängigkeit bedeutet nochmals eine ganz neue Erfahrung und hohe Verantwortung. Ich gehe die große Aufgabe schon mit dem nötigen Respekt an, werde mich voll einsetzen und zügig einarbeiten.

Anja-Maria Meister

Anja-Maria MeisterPressesprecherin der Universität Bayreuth

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