Die erste DFB-Spitzenfrau hat in Bayreuth studiert

An Bayreuth hat sie nur gute Erinnerungen, wie sie im Interview mit dem Webmagazin der "ubtaktuell" erzählt. Zwischen Spöko-Partys und Sportpsychologie-Vorlesungen, zwischen Kreutzer und Seminar lernte sie, ihrem Herzen zu folgen – bis heute.

Zum Zeitpunkt des Interviews war Heike Ullrich stellvertretende Generalsekretärin beim DFB. Seit 1. April 2022 ist sie DFB-Generalsekretärin.

„Die optimale Mischung aus Sport, Wirtschaft und Recht.“

Heike Ullrich, stv. DFB-Generalsekretärin


Am 31.10.1970 wurde der Frauenfußball offiziell in die DFB-Satzung aufgenommen. Wann wurden Sie zur Fußballbegeisterten?

Also 1970 habe ich noch in den Windeln gesteckt und gerade Laufen gelernt. Aber in der Tat habe ich schon wenige Jahre später bei uns im Club WBR Wartjenstedt Fußball gespielt. Es war eine tolle Zeit in gemischten Teams. Fußballprofi wollte ich zwar nicht werden, aber auch in meinen Jugendjahren habe ich männlichen Fußballern nachgeeifert, das waren meine Idole. Also: Ja, ich war schon immer „fußballbegeistert“.

Wer hat Sie auf den Studiengang Sportökonomie aufmerksam gemacht?
Ein immer noch sehr guter Freund, mit dem ich zusammen die Banklehre in Braunschweig bewältigt oder durchlebt habe, hat mir von dem Studiengang erzählt, und wir haben dann gemeinsam den Sporttest gemacht. Wir sind auch 1990 zusammen an die Universität Bayreuth gekommen. Dort habe ich bis 1995 studiert, parallel dann auch Lehramt. Meine Promotionsarbeit habe ich in Bayreuth begonnen und bin dann 1996 im Frühjahr quasi vom DFB abgeworben worden und direkt von der Uni Bayreuth zum Deutschen Fußball-Bund gegangen.

Was hat Sie in Bayreuth für Ihren jetzigen Job besonders gut vorbereitet?
Das Studium war für mich die optimale Mischung aus Sport, Wirtschaft und Recht. Neugierig sein auf die Welt, auch dieses Thema Kultur und Sprachen war ein ganz toller Einstieg für den Job. Ich habe als Teammanagerin der Frauennationalmannschaft begonnen, d.h. es war verbunden mit viel Organisation, mit Gespür für Sport, für Sportler*innen, für Leistungssportler*innen und gleichzeitig der Notwendigkeit, Organisationsgeschick und Kenntnis über Gruppenleitung zu haben. Für mich war insofern die Vorbereitung an der Universität Bayreuth mit dem Diplomsportökonomiestudium perfekt, weil ich genau diese Aspekte heute in meinem Beruf brauche. Die rechtlichen Hintergründe ebenso wie die wirtschaftlichen Hintergründe, aber auch immer die Nähe zum Sport, um zu verstehen, wen und was wir hier eigentlich organisieren und begleiten.

Heike Ullrich ist diplomierte Sportökonomin und war von Juli 2020 Stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Fußballbunds. Seit 1. April 2022 ist  sie neue DFB-Generalsekretärin. Foto: DFB

„Viele meiner Studienfreunde sind auch
heute noch meine engsten Lebensfreunde.“

Heike Ullrich, stv. DFB-Generalsekretärin


Gibt es etwas was Sie den „Spöko-Spirit“ nennen würden und falls ja wodurch zeichnet sich dieser aus?

Ganz klar: ja. Das Netzwerk Spöko ist ganz besonders. Wer sich outet als Bayreuther Spöko – mit dem spricht man gleich ganz anders. Es ist auch heute noch, nach vielen, vielen Jahren, die ich nicht mehr an der Uni bin, ein enges Netzwerk und eine große Verbundenheit. Denn jede Studentin und jeder Student, der das Studium erleben durfte, spürt auch den Spirit, den die Universität Bayreuth ausstrahlt. Ich glaube, alle denken sehr gerne zurück an diese Studienzeit, weil es pure Lebensfreude bedeutet.

Wie (er)leben Sie dieses Netzwerk heute?
Ich bin im wirtschaftlichen Beirat Sportökonomie der Uni Bayreuth , insofern bin ich auch noch ehrenamtlich aktiv für die Sportökonomie in Bayreuth, und das mache ich sehr, sehr gerne. Ich treffe auch gerne noch die alten Weggefährten und lerne ebenso gerne die jungen Spökos kennen, um auch weiterhin up to date zu bleiben, wie sich der Studiengang, die Ausbildung verändert und entwickelt hat. Mich interessiert, was heute Sportökonomie ausmacht. Und ich darf sagen, viele meiner Studienfreunde sind auch heute noch meine engsten Lebensfreunde.

Welche Erlebnisse in Bayreuth jenseits von Vorlesungen und Übungen haben Sie maßgeblich geprägt?
Naja, das waren natürlich unsere Spöko-Partys, Donnerstagsabends und dann - sehr hart – am Freitagmorgen um 8.00 Uhr Sportpsychologievorlesung… Jede/r Altspöko weiß, wovon ich gerade spreche. Oder schnell mal im Kreuzsteinbad eine Runde Beachvolleyball spielen, um wenige Minuten später neben den BWLern oder Juristen im Hörsaal zu sitzen. Der schnelle Wechsel zwischen Hörsaal und Turnhalle zwischen Fokus und Spaß, egal ob in der Theorie oder in der Praxis, das machte den Studiengang zu meinen Zeiten aus. Insofern war das einfach eine Lebenseinstellung die wir in diesen vier bis fünf Jahren Studium dort (er)leben durften.

„… weil es pure Lebensfreude ist.“

Heike Ullrich, stv. DFB-Generalsekretärin


Welche Tipps möchten Sie jungen Menschen geben, die nach der Schule am Beginn ihres Berufs- oder Studentenlebens stehen?

Ich habe z.B. nach meinem Abi erst einmal eine Banklehre gemacht und dann gemerkt, das ist zwar in Ordnung, aber es ist noch nicht das, was ich die nächsten 30 Jahre beruflich machen wollte. Und ich glaube, die Zeit sollte sich jede*r nehmen, herauszufinden woran man Spaß und Freude im Job haben wird und durchaus auch mal etwas auszuprobieren. Z.B. über Fernreisen fremde Kulturen kennen und schätzen lernen und damit die Welt auch etwas besser zu verstehen. Das kann ich jedem nur raten, wirklich dem Herzen zu folgen und das zu machen, woran man auch aus innerer Überzeugung Spaß hat. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, nicht nur Freude am Job zu haben, sondern auch gut darin zu sein.

Bei Ihnen war das offenbar die Sportökonomie, so begeistert, wie Sie uns berichten…
Die Sportökonomie ist auch eine geniale Kombination aus Sport, Wirtschaft, Recht, Lebenseinstellung, Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Insofern kann ich das jedem jungen Menschen nur empfehlen, den Weg so zu wählen, dass Mann oder Frau dem Herzen folgen und zu machen, wozu man wirklich Lust hat. Bei mir war das in der Tat die Sportökonomie.

Heike Ullrichs Weg beim DFB

Heike Ullrich ist diplomierte Sportökonomin und seit Juli 2020 Stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Fußballbunds. Ihre Tätigkeit für den DFB begann sie 1996 als Sachbearbeiterin für den Frauen- und Mädchenfußball. Sie wurde 1996 Teammanagerin für die Frauen-Nationalmannschaft(en). 2004 wurde sie Abteilungsleiterin für den Spielbetrieb, 2016 übernahm sie die Direktion Frauen- und Mädchenfußball. Seit dem 1. Januar 2018 leitet Heike Ullrich die DFB-Direktion Verbände, Vereine und Ligen, die für DFB-Pokal, 3. Liga, FLYERALARM Frauen-Bundesliga und alle Amateur- und Jugendspielklassen zuständig ist. Ihre Direktion bündelt alle Belange des Breitensports und des Amateurspitzenfußballs, darüber hinaus ist sie zuständig für den Schiedsrichterbereich sowie Services und Sicherheit beim DFB. International war Ullrich von 2005-2016 Mitglied im FIFA-Organisationskomitee für U20 Frauen-Weltmeisterschaften. Sowohl bei der Frauen-EM 2001, der U19 EM 2003, der U20 Frauen WM 2010 als auch der Frauen-WM 2011 in Deutschland war sie als Turnierleitung im Einsatz und übernahm bei anderen großen Turnieren bis hin zu den Olympischen Spielen in verschiedensten Funktionen Sonderaufgaben für die UEFA und die FIFA.

50 Jahre Frauenfußball

"Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand." Mit dieser Begründung verbot der DFB 1955 den Frauenfußball. 1970 wurde das Verbot aufgehoben, 1991 fand die Erste Frauen-Fußball-WM statt. Deutschlands Top-Fußballerinnen wurden 2003 und 2011 Weltmeister. Legendär ist das Merkel-Zitat: „Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“ Aber es gibt auch dies: "Ich glaube nicht, dass dieser Sport genauso populär wird wie unser traditioneller Fußball. Sie gehören doch hinter den Kochtopf." Das soll Gerd Müller einmal über Fußball spielende Frauen gesagt haben.

Heike Ullrich, die Bayreuther Spöko-Alumna und heutige DFB-Vizegeneralsekretärin, kann über solche Sätze schmunzeln. Sie sagt ganz klar: „Für mich gibt es nur einen Fußball. Fußball ist einfach: Es wird in der Regel auf Tore gespielt, zur Not machen es auch zwei Pullis als Tor.“ Sie weiß, dass der Männerprofifußball eine völlig andere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hat, dennoch: „Was bleibt, ist Fußball für Mädchen, für Jungs, für Groß, für Klein, für Alt, für Jung, für alle Kulturkreise. Es ist ein einfacher Sport, und so sollten wir ihn auch sehen, so sollten wir ihn auch anbieten und wahrnehmen.“

 „Heike Ullrich tut dem Fußball gut. Und sie tut dem DFB gut."

DFB-Präsident Fritz Keller


Heike Ullrich beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema „Frauenprofisport“ und stellt fest, dass er immer noch schwerer vermarktbar ist, seltener übertragen wird, weniger Sponsoren hat – egal ob Frauen-Fußball oder Tennis, Hand- oder Volleyball. Doch beim Fußball sind die Unterschiede besonders krass: Das Finale der Frauen-WM 2011 in Deutschland hatte etwa 15 Millionen Zuschauer, das Männerspiel Deutschland/Argentinien in 2014 sahen fast 35 Millionen Menschen. Ullrich sagt zwar: „Ich bin überzeugt davon, unser Produkt ist super. Spitzenfrauenfußball ist klasse.“ Und dennoch: „Das Pokalfinale der Frauen dieses Jahr war genial, das hätte ein volles Stadium verdient gehabt, was leider aufgrund der Corona-Einschränkungen nicht möglich war.“ Sie wünscht sich daher „mehr Chancen, um unseren tollen Sport in der Spitze auch zu präsentieren“. Damit meint sie „Partner, die uns hier begleiten, die uns unterstützen, um das Produkt auf dem Markt zu verbreiten, damit die Menschen ihre Begeisterung für den Frauenfußball entdecken."


Aber die DFB-Spitzenfrau macht auch klar, dass es am Ende auf die Leistung der Sportler*innen ankommt: „Im Männerbereich wie im Frauenbereich gibt es mal bessere und mal nicht so gute Spiele, insofern hängt für mich persönlich die Attraktivität nicht davon ab, ob es Männerfußball ist oder Frauenfußball, sondern wir müssen einfach ein gutes Produkt zeigen. Und Spitzenfrauenfußball ist ein gutes Produkt.“                                    

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